3 Wege, wie Unternehmen aktuell mit KI klarkommen. Zwei enden irgendwann am Ausgang.
Als Inhaber einer kleinen Beratungsfirma sehe ich eine ganz neue Entwicklung im Markt. Jede Woche erreichen uns mehrere Initiativbewerbungen von Fachkräften aus IT-Entwicklung und IT-Organisation. Menschen, die unser Unternehmen bis 2024 nicht einmal kannten. Die früher gut bezahlten Entwickler werden heute immer weniger gebraucht, und das Geld, das sie nicht mehr verdienen, wird auch nicht wo anders ausgeben, Kunden, Lieferanten und Dienstleistern um uns herum scheinen sich die letzten Monate immer mehr einzuigeln. Der Grund, sind eher Gründe, einer hat direkt mit KI und seinen Entwicklungen zu tun.
In diesem Artikel zeige ich Ihnen, welche Wege Unternehmen aktuell mit KI gehen, warum zwei davon irgendwann am Markt-Ausgang enden und was Alternativen sind.
Was gerade passiert: Es zerbricht kein Unternehmen, es zerbrechen das ganze Geschäftsmodelle
Manche sehen in der aktuellen KI-Entwicklung einen Luftballon, der bald platzen könnte. Ob und wann ein Luftballon platzt, hängt allerdings von zwei Dingen ab: der Reißfestigkeit und Dehnbarkeit seines Materials und davon, ob weiter Luft hinein geblasen wird. Und danach sieht es momentan immer noch aus auch wenn sich erste Sollbruchstellen zeigen. Eine Prognose über den Knall oder durch welche Nadel dieser Knall ausgelöst wird, steht in den Sternen. Viel aufschlussreicher ist der Blick auf das Material selbst. Und das Material dieser Entwicklung sind nicht die Technologien. Es sind die Geschäftsmodelle, die auf ihnen gebaut wurden und werden. Im Grunde befinden wir uns immer noch in einer Art Sondierung über nachhaltige Geschäftsmodell mit KI.
Ein Beispiel aus nächster Nähe: Ich betreibe neben meiner Beratung ein zweites Unternehmen, das Software zur Unterstützung von Personalentscheidungsprozessen anbietet. Das klassische Modell der Software-Vermietung wird gerade zunehmend schwieriger. Coding-Agenten können Standard-Software heute in kurzer Zeit nachbauen. Das greift auch große Konzerne wie SAP, Adobe, Mircsoft usw. an. Auf der Kundenseite halten viele Firmen Investitionen zurück und haben zunehmend mit Umsatzrückgängen und steigenden Kosten zu tun. Wer sein Geschäft auf „Software vermieten“ abgestellt hat, spürt das jetzt schon am Umsatz.
Nebenbei zeigt dieselbe Entwicklung ihre Schattenseiten: Menschen, die vor 2022 nicht einmal etwas von Machine Learning gehört hatten, bieten heute KI-Beratung an. In Gesprächen entsteht Buzzword-Bingo zwischen Leuten, die noch nie eine Zeile Code geschrieben haben. Und eine Studie des MIT zeigt das Ergebnis dieser Entwicklung: 95 Prozent der KI-Pilotprojekte in Unternehmen liefern keinen messbaren Ertrag. Die Technologie funktioniert. Was fehlt, sind Prozesse, Daten, Verantwortlichkeit und kreative Ideen, um diese Technologie sinnvoll anzuwenden.
Hinzu kommt die Kapitalkonzentration: Die Börsenbewertungen der Chip- und Speicherhersteller erklimmen ein Superlativ nach dem anderen. Die Magnificent Seven, die sieben größten Technologiewerte, machten Anfang 2024 bereits rund 29 Prozent der Börsenkapitalisierung des S&P 500 aus, Mitte 2024 nach Morgan-Stanley-Zahlen 31 Prozent. Kapital, das sich in wenigen Konzernen bündelt, fehlt in der breiten Wirtschaft. Und die Milliarden, die in Rechenzentren investiert werden, müssen irgendwann Erträge erwirtschaften. Nach der Analyse von David Cahn von Sequoia klafft allein bei der KI-Infrastruktur eine Lücke zwischen Investitionen und Erträgen, die von 600 Milliarden Dollar auf rund 3 Billionen gewachsen ist. Wie soll diese Lücke geschlossen werden, wenn die breite Wirtschaft sparen muss?
Für Sie als Unternehmerin oder Unternehmer ergibt sich daraus eine simple Erkenntnis: Es braucht keine Prognose über den Luftballon der platzen könnte. Es braucht eine grundlegende Entscheidung über den Umgang mit KI.
Die Wege
Unternehmen gehen aktuell verschieden Wege, um mit KI klar zukommen. Auch Mischformen finden statt.
Weg 1: Weiter wie bisher und irgendwie kommen wir schon durch
Der erste Weg ist, KI zu ignorieren. Weiterarbeiten wie in den letzten Jahren, auf die Kollegen und die etablierte Software vertrauen. Der schleichende Verlust liegt auf der Hand: Wer Produktivität nicht hält, während die Konkurrenz sie steigern, verliert irgendwann Aufträge. Nicht an einem Tag, sondern auf Raten. Der Markt scheidet die Unternehmen leise aus, die nicht mehr mithalten können. Seit 2021 steigen die Unternehmensinsolvenzen Jahr für Jahr in Deutschland. Dafür braucht es keinen Crash und keine Prognose. Dafür reicht Zeit.
Weg 2: Cloud-Abos und Tool zu Tool Reise
Der zweite Weg wirkt zunächst wie der sichere: KI aus der Cloud dazukaufen, ist aktuell extrem günstig. Ein Abo hier, ein KI-Assistent dort, dazu Datenspeicher und Auswertungen oder Lösungen von einem Tool-Anbieter. Was viele nicht sehen: Sie liefern Ihre sensibelsten Daten gratis ab, an Unternehmen, deren Geschäftsmodell darauf angelegt ist, damit zu arbeiten und ihnen einen Anbieter-Wechsel so schmerzhaft wie möglich zu machen. Und Sie machen sich abhängig von Preisen, die Sie nicht kontrollieren.
Der Mechanismus ist crash-unabhängig: Die großen Anbieter haben hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren investiert. Dieses Geld muss zurückverdient werden, mit oder ohne bereinigtem Markt. Wenn die Preise steigen, und das werden sie, sind Sie der Zahler. Aussteigen wird dann teuer: Ihre Daten liegen dort, Ihre Prozesse sind auf die Tools zugeschnitten, Ihre Mannschaft arbeitet damit. Manche Unternehmen holen ihre Workloads inzwischen zurück auf eigene Systeme. Laut einer Umfrage von Information Week unter CIOs ist diese Rückverlagerung längst ein etablierter Trend. Sie zahlen dann doppelt: einmal die Abos der letzten Jahre und einmal den Wiederaufbau.
Der Ausgang auf Raten endet wie Weg 1 am Ausgang. Nur langsamer, lauter, teurer, vielleicht sogar abrupter.
Weg 3: Ist steiniger, er verlangt mehr Eigenverantwortung sowie Durchhaltevermögen
Bei Weg 3 ist die Wahrscheinlichkeit irgendwann durch KI am Ausgang zu enden deutlich geringer. Sie bauen KI auf Ihrer eigenen Infrastruktur auf und werden damit unabhängiger und geübter im Umgang damit. Eigene Hardware, eigene Modelle, eigene Prozesse, Ihre Daten und Kernkompetenzen bleiben im Haus. Der Weg ist anspruchsvoller als ein Abo und kostet Einstiegsmühen mit rasanten Lernkurven. Aber er schafft genau das, was Weg 2 Ihnen systematisch verwehrt: Unabhängigkeit.
„Technologie, die Ihrem Unternehmen gehört. Nicht der Cloud.“ Das ist bei uns kein Slogan. Es ist das Design-Prinzip.
Und dafür sind drei Stufen zu meistern:
- Konzeption (Welche Prozesse und Daten sind Ihr eigentliches Kapital?),
- Aufbau (Infrastruktur auf eigener Hardware, passend zu Ihren Prozessen) und
- Transfer (Ihr Team lernt, damit zu arbeiten, bis die KI Ihr Werkzeug ist wie jede andere Maschine im Haus). Und nein, es geht nicht darum technologisch aufholen. Es geht viel mehr darum Ihr Unternehmen beweglich halten, solange der KI-Markt sich sortiert.
Was die Unternehmen auszeichnet, die gut durch diese Jahre kommen
Aus unseren Beobachtungen lassen sich vier Merkmale herauslesen. Sie gelten unabhängig davon, wie es mit unserem KI-Luftballon weitergeht.
- Margendisziplin. Unternehmen, die ihren Overhead in den Produktionskosten minimieren und ihre Margen nachhaltig erhöhen. Nicht der Umsatz zählt, sondern der Ertrag, der am Ende übrig bleibt. Mit einem leeren Tank kommt ein Auto keinen Kilometer weit.
- Unabhängigkeit. Unternehmen, die sich nicht von einzelnen Anbietern abhängig machen, sei es beim Rechenzentrum, beim Modell oder beim Vertrag.
- Informationskapital. Wissen, Informationen, Kontakte, Beziehungen: Wer sie als Kapital sieht, behandelt sie auch so. Geld wird sicher verwahrt. Mit Informationen wird oft sorgloser umgegangen. Das ist kein Zufall, sondern eine schlechte Gewohnheit.
- Prozesse zuerst. Unternehmen, die ihre Prozesse hinterfragen und KI-gerecht umbauen, statt KI auf gewachsene Abläufe zu stülpen. "Das haben wir schon immer so gemacht!" ist eine Sackgasse.
Ihr Selbst-Check: Drei Fragen
Bevor Sie in KI investieren, egal in welche Richtung, sollten Sie drei Fragen für Ihr Unternehmen beantworten können:
- Sind ihre Daten sicher? Können Sie benennen, was genau die kritischen Daten in ihrem Unternehmen sind und in welchen Systemen Ihr Business Know-how, Ihre Kundenbeziehungen, Ihre Verträge, usw. gespeichert sind? Und wer außer Ihnen darauf zugreifen kann?
- Sind Sie auf exogene Ereignisse vorbereitet? Wenn Ihr wichtigster Anbieter morgen die Preise verdoppelt oder vom Markt verschwindet: Können Sie ausweichen, oder sitzen Sie dann fest?
- Wie laufen ihre Prozesse? Sind Ihre Abläufe dokumentiert und verstanden, oder leben sie nur in den Köpfen weniger Mitarbeiter? Sind sie statisch oder dynamisch adaptierbar? KI-gerecht umbauen kann man nur, was man kennt und was anpassbar bleibt.
Wenn Sie bei allen drei Fragen eine ruhige Antwort haben, sind Sie besser aufgestellt als die meisten. Wenn nicht, ist das kein Grund zur Panik. Es ist eine Aufgabenliste.
Fazit: Die Entscheidung ist jetzt
Ich habe ihnen 3 Wege beschrieben, welchen Sie gehen wollen, entscheiden sie selbst. Ob der KI-Luftballon unter den aktuellen Entwicklung hält oder nicht, entscheidet nicht Ihr Unternehmen und auch ich nicht. Welchen Wege Sie gehen, sehr wohl. Und zwar jetzt, solange die Preise moderat sind, immer mehr Fachkräfte verfügbar werden und die Werkzeuge reifen.
Wenn Sie das ganze noch etwas genauer eingeordnet brauchen: Am 19.10.2026 halte ich den Online-Vortrag „KI für Unternehmen: Warum KI für den Mittelstand strategisch wichtig wird“, 09:00 bis 11:30 Uhr. Datenhoheit, Unabhängigkeit und lokale KI auf eigener Infrastruktur, verständlich aufbereitet, ohne Technik-Vorwissen. Anmeldung über den Seminarverbund der Creditreform Wer vorher lieber direkt ins Gespräch gehen möchte: Nutzen Sie einfach unser Kontaktformular auf der Startseite.
Quellen
- [Q1] David Cahn, Sequoia Capital: „AI's $600B Question“: https://www.sequoiacap.com/article/ais-600b-question (geprüft 07.09., erreichbar) · Update 2026 (~3 Bio. $ Lücke): https://aiweekly.co/alerts/sequoias-cahn-pegs-ais-2026-revenue-gap-at-roughly-3t
- [Q2] Fortune („MIT report: 95% of generative AI pilots at companies are failing“)
- [Q3] Information Week, „Why CIOs are moving their workloads back on-prem“: https://www.informationweek.com/cloud-computing/why-cios-are-moving-their-workloads-back-on-prem
- [Q4] Wikipedia, „Magnificent Seven (stocks)“: https://en.wikipedia.org/wiki/Magnificent_Seven_(stocks)
- [Q5 ] Deutsche Zahlen zum IT-Arbeitsmarkt (z.B. Bitkom-Studie): https://www.bitkom.org/sites/main/files/2026-01/bitkom-studienbericht-it-fachkraefte-2025.pdf